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Reden im Landtag


Christiane Böhm zur Krankheit Endometriose

In seiner 114. Plenarsitzung am 22. September 2022 diskutierte der Hessische Landtag eine Aktuelle Stunde zur Forderung einer hessischen Strategie für die Krankheit Endometriose. Dazu die Rede unsere gesundheitspolitischen Sprecherin Christiane Böhm.

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste! Herzlichen Dank an die FDP-Fraktion, dass sie die Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf die häufigste Krankheit, die Frauen betrifft, aufmerksam machen. Das ist, Sie haben es gehört, eine tatsächlich jahrelang unerkannte Krankheit, die allerdings ungeheure Schmerzen verursacht und Frauen unfruchtbar machen kann. Ich gehe davon aus, dass der Aufklärungswille der Aktuellen Stunde das Ziel hat, Frauen, Menschen mit Gebärmutter sowie Ärztinnen und Ärzte auf diese Krankheit hinzuweisen – das ist sicher ehrenhaft.

Es ist wirklich bedenklich, dass diese Erkrankung, die 2 Millionen Menschen in Deutschland betrifft, so wenig Aufmerksamkeit erfährt. Jetzt gibt es in Großbritannien erste Erkenntnisse zu den Ursachen. Als Nächstes ist es aber notwendig, über konkrete Diagnosen und Behandlungen zu forschen. Es ist wirklich beschämend, wenn das stimmt, dass nur 20.000 € pro Jahr in Deutschland für die Forschung eingesetzt werden.

Es gibt augenscheinlich kein Interesse der Pharmaindustrie, zu dieser Erkrankung und ihrer Behandlung zu forschen. Das scheint keinen Profit zu versprechen, also lässt man lieber die Finger davon. Solange die Frauen aber mangels Alternativen mehr und mehr Schmerzmittel nehmen müssen, verdient die Pharmaindustrie sogar noch daran.

Das zeigt doch sehr deutlich, wie schädlich es für die Gesundheit von Menschen und besonders von Frauen ist, wenn Forschung und Produktion von Arzneimitteln privatwirtschaftlich organisiert wird. Kolleginnen und Kollegen von der FDP, der Medizinproduktemarkt regelt offensichtlich nicht alles, wenn die Mehrheit der Bevölkerung dort weitgehend ausgeblendet wird.

(Beifall DIE LINKE)

Es ist besonders erschreckend, weil es sich hier um eine Erkrankung von Frauen bzw. Menschen mit Gebärmutter handelt und den oftmals jungen Frauen gesagt wird: „Mach nicht so viel Aufhebens um deine Menstruationsschmerzen.“ Ich denke, alle Frauen, junge und ältere, haben es schon einmal gehört, dass man das einfach so hinnehmen müsse; wenn man einmal Kinder bekommen wolle, müsse man einfach auch Schmerzen ertragen können. Das aber ist das Perfide in dieser Diskussion, dass Frauen diese Rolle zugeschoben wird und dass ihre Befürchtungen und Bedenken, ihre Schmerzen überhaupt nicht ernst genommen werden. Das ist wirklich der Skandal dabei. Daran sieht man, wie wenig dieses Gesundheitssystem auf Frauen und Menschen mit Gebärmutter eingerichtet ist, dass es immer noch männerdominiert ist und dass wir dringend eine gendergerechte Medizin brauchen.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)

Wir brauchen eine gendergerechte Medizin, die die Bedürfnisse von Frauen und anderen Gruppen tatsächlich in den Blick nimmt und sich nicht nur an den Männern orientiert. Nicht umsonst gibt es hierzu Petitionen mit Hunderttausenden Unterschriften, die eine nationale Endometriosestrategie fordern.

Die FDP fordert eine hessische Strategie. Sie haben im März dieses Jahres einen Antrag gestellt, der von der Tagesordnung abgesetzt und bislang im Ausschuss auch nicht behandelt wurde. Da frage ich mich wirklich: Warum haben Sie heute die Aktuelle Stunde nicht genutzt, um über Ihren Antrag zu diskutieren?

(Zuruf Wiebke Knell (Freie Demokraten))

Ist es wegen des Jahrestags, oder was ist der Grund? Das habe ich noch nicht verstanden, aber vielleicht können Sie uns dazu noch etwas sagen.

Sie haben ein paar Vorschläge gemacht, was in Hessen passieren soll. Eine Aufklärungskampagne ist auch in Ihrem Antrag drin. Ich sehe es tatsächlich als notwendig an, hier eine nationale Strategie zu fahren; aber das sollten Sie bitte auch Ihrer Bundestagsfraktion mitteilen, damit sie sich auf den Weg macht und den Gesundheitsminister dafür begeistert. Hessen kann sicher etwas dazu beitragen; aber in vielen Dingen ist es notwendig, dass es auch auf Bundesebene passiert, wenn ich daran denke, das Thema auch in der Ausbildung und in der Hochschule stärker zu verankern.

Es gibt sicher noch ein paar andere Themen. Ich fände es gut, wenn wir im Landtag öfter über Frauengesundheit reden würden. Da gibt es die Forderung nach kostenfreien Menstruationsprodukten in allen öffentlichen Einrichtungen, Verhütungsmitteln als Kassenleistung, flächendeckender Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen, der Abschaffung von § 218 StGB usw. Ich denke, das sind alles wichtige Themen. Ich freue mich auf weitere Diskussionen zu dieser Angelegenheit. – Danke schön.

(Beifall DIE LINKE)